„Was, Urlaub in Rumänien? Mit dem Fahrrad? Geht das überhaupt?“ Solche und ähnliche Kommentare mussten wir, mein Mann Hanno und ich, uns anhören, nachdem wir nach langen Überlegungen, wo wir denn im September 2003 Urlaub machen könnten, Rumänien als Reiseziel ins Visier genommen haben. Die Idee dazu kam von einem guten Bekannten bei einer lauschigen Sommernacht im Biergarten: „Also ich würde mal nach Rumänien fahren“ – ja, warum eigentlich nicht?
Für uns war sofort klar, dass wir Rumänien mit dem Fahrrad erkunden werden – und es hat sich gelohnt! Drei Wochen waren wir unterwegs, sind mit dem Zug über Budapest nach Alba Julia (Karlsburg) eingereist und haben von dort aus Siebenbürgen erkundet. Weiter ging es mit dem Zug nach Braila, von dort aus sind wir in das Donau-Delta geradelt. In der letzten Woche waren wir schließlich in der Bukovina und den Maramures. Nach Hause ging es dann über die ungarische Grenze nach Debrecin, wo wir wieder in den Zug gestiegen sind, der uns via Budapest nach München gebracht hat. Aber von vorne, zu den wichtigsten Fragen:
Wie sieht es nun aus mit der Infrastruktur, besonders für Radfahrer?
Nun, angelegte Radwege oder ausgeschilderte Routen sind nicht vorhanden. Fahrradläden sind ebenfalls rar. Wenn, dann gibt es sie nur in größeren Städten. Werkzeug und Ersatzteile also am besten selber mitbringen. Wir hatten zum Glück nur einen Platten, so etwas lässt sich ja schnell beheben. Die Rumänen stehen selber mit ihren Skodas alle paar Kilometer am Straßenrand und basteln am Motor – wenn es darauf ankommt wird man selbst sicher genauso erfinderisch.
Karten:
Wir hatten die Rumänienkarte 1:600.000 vom Verlag Huber/Niculescu dabei. Sie enthält viele praktische Infos und Details, auch kleiner Orte, Campingplätze etc. Bestellt haben wir sie bei www.bikeromania.de – einer sehr informativen Website, in der man alle Infos rund ums Radreisen durch Rumänien findet. Hier haben wir auch die Infokarte „Rumänien per Rad entdecken“ bestellt, die eine gute Übersicht über Fahrradrouten, weitere Tipps und Anregungen für die eigene Tourenplanung gibt.
Straßen:
Am besten folgt man den Vorschlägen der Infokarte „Rumänien per Rad entdecken“. Man radelt somit meistens auf ruhigen Nebenstraßen, die nicht immer geteert sind, häufig fährt man auch Feldwege entlang. Man braucht aber deshalb noch lange kein Mountainbike – ein gutes Tourenrad reicht vollkommen aus.
Reiseführer:
Wie schon so oft, war uns der Lonley-Planet ein hervorragender Reisebegleiter. Wertvolle Hinweise habe ich außerdem von rumänisch-stämmigen Freunden und Kollegen erhalten. Sie haben sich sehr gefreut, dass wir uns für ihre alte Heimat interessieren. Für ausführliche Länderinfos empfehle ich:
www.bikeromania.de/laenderinfo.htm
Anreise:
Am besten mit der Bahn. Die internationalen Fernzüge nehmen zwar in der Regel keine Fahrräder mit. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Der Nachtzug von Wien nach Bukarest. Mein Tipp: Von Deutschland aus nimmt man den Nachtzug München-Budapest, verbringt einen Tag in der ungarischen Hauptstadt und steigt dann in den Nachtzug nach Bukarest ein, wo ein Gepäckwagen für das Fahrrad dabei sein sollte (dieser hat bei unserer Fahrt leider gefehlt, wir haben unser Fahrrad dann einfach mit ins Abteil genommen, mit dem Schaffner ein bißchen diskutiert und dann war das Thema erledigt).
Fahrradtransport in Rumänien mit der Bahn:
Ist offiziell nicht vorgesehen und daher nicht ganz unproblematisch. Eigentlich dürfen Fahrräder nur in Zügen mit Gepäckwagen transportiert werden. Diese fahren aber nur am Abend und auch nicht immer dorthin, wo man gerade hin möchte. Was tun? Nun, in den Bummelzügen haben wir mit den Schaffnern gesprochen, sie waren dabei immer großzügig und haben unsere Räder nicht beanstandet. In den IC/EC ähnlichen Zügen ist der Radtransport schwieriger, die Schaffner lassen da nicht mit sich reden, es ist halt auch kaum Platz. Empfehlen würde ich die ersten beiden Alternativen. Man muss halt immer vor Ort schauen was geht, improvisieren und notfalls die geplante Route abändern.
Sprache/Verständigung:
Rumänisch ist eine romanische Sprache, wer italienisch oder französisch spricht oder noch sein Schullatein im Hinterkopf hat kommt damit in Rumänien recht gut durch. In Siebenbürgen ist deutsch auch kein Problem. Im Zweifel helfen immer noch Hände und Füße.
Essen und Trinken/Versorgung: Auf dem Land kann man sich mit Obst und Gemüse direkt beim Bauern eindecken. Wird nichts am Straßenrand feil geboten, klingelt man einfach und fragt, ob etwas zu verkaufen sei. In größeren Orten gibt es auch Märkte. Brot, Wurst, Käse gibt es in kleineren Dorfläden, allerdings ist die Auswahl davon sehr begrenzt.
Restaurants haben meist immer noch einen sehr sozialistischen Charme. September ist in Sachen Selbstversorgung ein optimaler Monat um zu verreisen. Alleen voller Walnußbäume säumen die Wege und Straßen, Äpfelsorten, die es bei uns schon gar nicht mehr gibt prägen die Landschaft – man muss sie einfach nur pflücken. Traditionelle rumänische Gerichte sind z.B. Mamaliga – eine Art Polenta, oft serviert mit Schafskäse oder Ciorba de burta – Kuttelsuppe. Berühmt ist der rumänische Pflaumenschnaps, Tuica. Rumänischer Wein ist eher lieblich – Geschmackssache.
Unterkunft:
Bei einer Radreise empfiehlt es sich, ein Zelt mitzunehmen. Es gibt zwar offizielle Campingplätze mit eher weniger angenehmen sanitären Einrichtungen. Besser ist es, wild zu zelten (Dass man in Siedlungsnähe Anwohner um Erlaubnis fragt, sollte selbstverständlich sein). Pensionen gibt es auch in den größeren Städten, einfach vor Ort erkundigen und ansehen. Zeltet man in einsamer Gegend oder einem Wald, sollte man unbedingt sein Essen an einen Ast hängen – auf keinen Fall im Zelt deponieren. In Rumänien gibt es noch zahlreiche Bären, mit denen im Zweifelsfall nicht zu spaßen ist – besser, auf ein Frühstück verzichten als selber verspeist zu werden.
Land und Leute: Karpaten, Donaudelta, Bukovina, Walachei.....Rumänien hat zahlreiche Regionen, jede für sich ist eine Reise wert. Einen kompakten Überblick findet man unter www.bikeromania.de/TouristischeRegionen.htm
Wo immer wir hingekommen sind, wurden wir freundlich, aber auch verwundert beäugt. Der Tourismus an sich, erst recht der Radtourismus ist noch um einiges weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. In drei Wochen Rumänien haben wir nur vier weitere Radtouristen getroffen – ein Pärchen aus Deutschland und eins aus Slowenien. Zum Teil kommt man sich vor wie auf einer Zeitreise ins 19. Jahrhundert. Biegt man von den Hauptstraßen ab, fährt man auf ungeteerten Straßen oder Schotterwegen. Schlaglöcher lassen sich mit dem Fahrrad gut umfahren. Autos sind nicht selbstverständlich – für einen Radurlaub ist das sowieso das, was man sich wünscht - dafür um so mehr Pferdekutschen. Bukarest haben wir bewusst ausgelassen, dort soll Radfahren keinen Spaß sein. Aber dorthin kann man ja auch „zu Fuß“ mit der Bahn hinfahren.
Kurz und gut:
Rumänien, insbesondere das Radfahren in Rumänien ist ganz besonders denen zu empfehlen, die ein Land intensiv kennenlernen möchten, jenseits vom Pauschaltoursimus und keine Scheu davor haben, auch einmal unbequemere Wege – auch im übertragenen Sinn – zu gehen.
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