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Dienstag, 10. Oktober 2006 17:38 Uhr Alter: 4 Jahr(e)

Gästefarmen in Namibia oder Urlaub auf dem Bauernhof im südlichen Afrika

Kategorie: Reiseberichte

Von: Sibylle Stöhr

Exkurs: “Anders Reisen” in Namibia

Zugegeben, in einem weiten, wenig dicht bevölkerten Land wie Namibia ist ein eigenes Fahrzeug, möglichst mit Vierrad-Antrieb, das geeignetste Fortbewegungsmittel, gerade wenn man als Individualreisender etwas sehen will. Öffentliche Verkehrsmittel sind rar und werden nur auf den Hauptrouten eingesetzt. Überlegt man, sein Fahrrad mitzunehmen, so muss man sich des logistischen Aufwands bewusst sein: Die Distanzen sind weit, die Plattengefahr auf den Schotterstraßen hoch, und die Autofahrer machen sich einen Spaß daraus, Radfahrer so richtig schön einzustauben. Ganz zu schweigen von der ewigen Wasserfrage – fünf bis zehn Liter sollte man auf jeden Fall dabei haben, zwischen Start und Ziel ist meistens nur Wüste, deshalb sollte man für alle Eventualitäten gerüstet sein.  Doch welche Alternativen bieten sich an?

Safariveranstalter
Das erste Mal in Namibia möchten die meisten Besucher so viel wie möglich vom Land sehen. Ab Windhuk, wo in der Regel eine Namibiareise beginnt, bieten verschiedene Safari-Unternehmen recht preiswerte Campingtouren zu den landschaftlichen Highlights wie Sossusvlei, den Fish River Canyon oder zum Tiere beobachten in die Etosha-Pfanne an. Diese kann man direkt vor Ort in den Backpacker-Unterkünften buchen. Oder ab Deutschland bei einem der zahlreichen Safariveranstalter – einen guten Überblick bietet Namibian Travel Online.

Auf Safari mit SafariveranstalterManch einer mag beim Wort “Gruppenreisen” die Nase rümpfen – doch für viele Reisende ist es sehr angenehm, in einer netten Gesellschaft zu reisen, sich an das Abenteuer Afrika mit etwas "Sicherheitsabstand" heranzuwagen und so die Scheu vor dem “dunklen” Kontinent zu verlieren. In Afrika lernt man eine andere Lebensweise und sich selber neu kennen. Ganz abgesehen davon, dass es auch recht angenehm sein kann, sich durch die Landschaft kutschieren zu lassen.


Gästefarmen
Alternativ kann man seinen Urlaub auch auf ausgewählten Gästefarmen verbringen. Ideal für Urlauber, die nicht jeden Tag zu einem neuen Ziel aufbrechen möchten. Die Fahrerei hält sich somit in Grenzen, man kann auf ein eigenes Auto verzichten (die Farmen bieten Transfers an bzw. organisieren diese). So bekommt man viel vom Alltag, den Freuden, Sorgen und Nöten von Farmen mit. Ideal ist diese Art, einen Urlaub in Namibia zu verbringen, für Reisende, die schon ein oder mehrmals im südlichen Afrika waren oder für Reisende mit Kindern. Auf Farmen gibt es immer etwas zu entdecken und kleine Spielkameraden finden sich meist von selbst. Einen Überblick über die namibischen Gästefarmen bietet ebenfalls Namibian Travel Online.

Egal, ob man einen luxuriösen Urlaub in Lodges oder einen Zelturlaub plant: ein paar Tage auf einer namibischen Gästefarm sollte man sich nicht entgehen lassen. Eine bessere Gelegenheit, Land und Leute hautnah kennenzulernen, gibt es nicht. Man kann den Aufenthalt auf einer Gästefarm in etwa mit unserem “Urlaub auf dem Bauernhof” vergleichen. Wie in Deutschland, so bietet auch in Namibia der Tourismus den meist deutschstämmigen Farmern eine gute Gelegenheit, sich ein paar Namibische Dollar dazuzuverdienen. Gute Gästefarmen zeichnen sich durch:

  • eine persönliche Betreuung der Gäste,
  • Farmprodukte (allen voran Lamm- und Wildspezialitäten wie Kudu, Oryx, Springbock; gekocht wird mit Kräutern aus dem eigenen Garten und zum Frühstück werden die Grapefruits frisch vom Baum gepflückt) und
  • der Integration der Gäste in den Farmalltag aus.

Flagge am FarmhouseMan nimmt gemeinsam mit der Farmerfamilie die Mahlzeiten ein. Jede Farm hat ihr eigenes, köstliches Brotrezept. Und wo sonst kann man selbst gemachte Maulbeermarmelade oder Kaktusfeigensaft probieren? Die Gastgeber haben viel zu erzählen. Manchmal sind sie etwas eigen – die Einsamkeit hinterlässt doch ihre Spuren. Ein Farmer ist alleiniger Herrscher über ein eigenes Stück Land, der nächste Nachbar ist weit und so muss er kaum Kompromisse eingehen.

Leben und Alltag auf einer Farm – immer nur ein Idyll?
Auf einer Gästefarm zu übernachten heißt, sich auf das Leben und den Alltag der Farmerfamilie einzulassen. Das Leben auf einer Farm ist keineswegs nur ein Idyll, sondern kann auch ganz schön hart sein. Man lebt autark: Um für uns Europäer selbstverständliche Dinge wie Wasserversorgung und Strom muss man sich selber kümmern. So gibt es keine Stadtwerke, die man eben mal anrufen kann, wenn der Strom nicht funktioniert oder die Wasserpumpe defekt ist. Man kann nicht einfach weg, mal eben ins Kino gehen oder Freunde/Familie treffen, wenn einem danach ist.

Das wichtigste ist der Regen, der in den Sommermonaten, d.h. von Dezember bis März, sehnsüchtig erwartet wird. Der durchschnittliche Niederschlag liegt bei 233 mm pro Quadratmeter jährlich – im Vergleich: in München sind es durchschnittlich 960 mm. Apropos Wasser: Es wird mit Windmotoren aus dem Boden nach oben gepumpt und kann problemlos getrunken werden. Der Farmer fährt täglich raus aufs Feld, um dort nach dem Rechten zu sehen: Schafe müssen von einer Weidefläche in die nächste getrieben werden, ein defektes Wasserrohr muss repariert werden oder ein Schakal treibt sein Unwesen, kurz: eine Farm ist eine ewige Baustelle.

Der Alltag auf der Farm richtet sich nach dem Sonnenstand, bei Morgendämmerung geht es raus, bei Sonnenuntergang beendet man sein Tagwerk – unterbrochen von einer Siesta. Für Mensch und Tier ist es zu heiß, sich in den Mittagsstunden groß zu bewegen, noch dazu ist Schatten rar im südlichen Afrika.

Fleisch ist mein Gemüse
Wie im gleichnamigen Roman von Heinz Strunk könnte auch so das Motto der namibischen Farmer lauten. Namibia ist Fleischland. Gemüse und Obst kann nur gedeihen, wenn auch bewässert wird und spielt auf dem Speisezettel eine untergeordnete Rolle. Doch ohne ein herzhaftes Stück Fleisch kein richtiges Mittag- oder Abendessen. Für den Eigenbedarf wird vor Ort geschlachtet oder gejagt, so viel man gerade eben braucht. Lieblingsbeschäftigung der Namibier ist das Grillen, das sog. Braai. Ein Grillrost ist Standard an jedem Rast- und Campingplatz. Holz – meist vom Kameldornbaum - kann man vor Ort kaufen.

Leben und Arbeiten auf einer Gästefarm

Mathäus Gärtner von KiripotibVon Juli bis Oktober 2005 hatte ich die Gelegenheit, auf der Gästefarm Kiripotib (“Platz, wo der Löwe säuft”) zu arbeiten. Über eine Anzeige in der Süddeutschen Zeitung bin ich nach Kiripotib gekommen, 160 km südöstlich von Windhuk in der unendlichen Weite der Kalahari. Das Farmerpaar, Hans und Claudia von Hase, ist seit 1978 auf der Farm und hat 2005 angefangen, Kiripotib als Gästefarm zu vermarkten.

Zu meinen Aufgaben gehörte die komplette Gästebetreuung vom Empfang der Gäste mit frisch gepresstem Orangensaft bis zur Zusammenstellung des Speiseplans, die Organisation der Farmküche, Wanderungen in den Karubeamsbergen ebenso wie die Ausbildung der einheimischen Mitarbeiter oder Führungen über die Hausstelle. Kiripotib ist bekannt für seine Farmwerkstätten, in denen Teppiche und Wandbehänge hergestellt werden. Man kann den Spinner/innen und Weber/innen über die Schulter schauen. Schmuck und erlesenes afrikanisches Kunsthandwerk findet man in der Farmgalerie.

Kirche Kiripotib - RichtfestEinzigartig ist die kleine Kirche, die auf Kiripotib realisiert wurde: Die Mitarbeiter/-innen der Weberei, Spinnerei und der Farm haben mit Singabenden Geld für das Material (Holzpflöcke, Ziegel und Stroh für das Dach) gesammelt, beim Bau legten sie selbst Hand an. Arbeiter und Arbeiterinnen leben mit ihren Familien außerhalb der Farm auf der sog. Werft, wo sie IhreKirche Kiripotib Dach eigenen Häuser mit Garten, Hühnern, Strom und Wasserversorgung besitzen.

Nichts besonderes: mehrstündige Einkaufsfahrten nach Windhuk.
Waren Hans und Claudia von Hase unterwegs, so war ich nicht nur für die Gäste Ansprechpartnerin, sondern auch für alle Farmarbeiter/-innen – vom Pflaster bis zum Store, dem Laden, in dem die Farmarbeiter ihre Dinge des täglichen Bedarfs vom Milipap (=Maisbrei, erinnert an unseren Grießbrei und darf auf keinen Fall beim Farmfrühstück fehlen) bis zur Babynahrung kaufen. Der Store wird vom Farmer betrieben, er sorgt auch dafür, dass er regelmäßig aufgestockt wird, damit es an nichts fehlt.

Blick auf StraßeEinkaufsfahrten nach Windhuk, einmal die Woche, werden somit zur tagesfüllenden Unternehmung. Wenn man schon fährt, natürlich mit dem Pick-up, dann geht es nicht nur in den Supermarkt zum Einkaufen der Lebensmittel, die nicht auf der Farm produziert oder angebaut werden, sondern läßt gleichzeitig auch den Traktor-Reifen flicken, holt ein paar Säcke Mineralstoffe für die Schafe, bringt die Küchenmaschine zum reparieren und holt die Post ab, die postlagernd schon seit einigen Tagen auf ihre Empfänger wartet. Der Ausflug in die Hauptstadt wird aber auch dafür genutzt, sich einen kleinen Luxus zu gönnen wie etwa einen Lunch im Namibian Crafs Centre oder in einem Buchladen zu schmökern.

HighnoonDie einfache Fahrzeit von Kiripotib nach Windhuk beträgt zwei Stunden, davon führt ein Großteil über “Gravelroads”, also Schotterstraßen. Autofahren ist anstrengend, man hat zwar wenig Verkehr, doch muss man auf Kudus am Wegesrand achten und immer mit einem Platten rechnen. Wer noch nie in seinem Leben einen Reifen gewechselt hat, wird dies spätestens in Namibia lernen.

Ich seh den Sternenhimmel
Nach Namibia fährt man nicht wegen der Städte, sondern wegen der unglaublich schönen Natur, den taghellen Vollmondnächten und dem unvergleichlichen Sternenhimmel – ein Eldorado für Astronomen. So bietet sich für Sternengucker z.B. ein Aufenthalt in der Kalahari auf der Farm Tivoli an, ca. 190 km südöstlich von Windhuk und direkt auf dem Wendekreis des Steinbocks. Kirsten und Reinhold Schreiber haben sich die kristallklaren Nächte zu Nutze gemacht und eigene Sternwarten und Teleskopsäulen aufgestellt. Sowohl für Hobby- als auch Profiastronomen und  für den interessierten Laien ein unvergleichliches Erlebnis. Die Farm ist ganz auf die Bedürfnisse von Astronomen ausgerichtet, vom Astronomenfrühstück bis zur Nachtbrotzeit.

Tiras BergdünenTirasberge
Eine der interessantesten, touristisch nur für Individualreisende erschlossenes Gebiete Namibias sind die Tirasberge im Südwesten Namibias. Vier Farmen haben sich zusammengeschlossen, um dieses Gebiet als Conservancy zu schützen. Die Tirasberge liegen im Übergangsgebiet von vier Vegetationszonen, was ihre Flora und Fauna so besonders interessant macht. Tiras - Duenen

Aber auch die Gastgeber der Farmen Gunsbewys (Frau Gräbner), Tiras (Frau Koch) und Koimasis (Wulf und Anke Itzko) sind Originale, die man unbedingt erlebt haben muß. Unvergesslich ist uns die frühmorgendliche Dünenwanderung mit Frau Gräbner, die erst vor ein paar Jahren nach Namibia ausgewandert ist, als sie Ihrem Mann zur Rente die Farm geschenkt hat.

Gunsbewys wird nicht mehr bewirtschaftet, jedoch sind Wasserstellen für Oryx-Antilopen und Strauße eingerichtet. Von der Farm aus hat man einen direkten Blick auf die Tirasberge. Auch hier lohnt es sich, sich von Frau Gräbner Buschmannrelikte zeigen zu lassen. Übernachten kann man bei Frau Gräbner entweder mit dem Zelt – eine Open-Air-Dusche und -WC stehen zur Verfügung - oder in einem kleinen Gästehaus. Auf den Farmen Tiras und Koimasis haben wir ebenfalls gecampt, allerdings sind die Zeltplätze dort richtig luxuriös, d.h. mit gekachelten WCs und Bad. Obligatorisch ist überall der Grillplatz für ein Braai. Auf Koimasis konnten wir herrliche Straußensteaks grillen. Tiras wiederum ist bekannt für die Sukkulentenführung von Frau Koch.

Afrika oder Deutschland?
Nun, diese Frage wird man sich irgendwann einmal stellen. Fährt man vom Flughafen Hosea Kutako bei Windhuk Richtung Osten, so überquert man gleich am Anfang den (ausgetrockneten) Fluß “Bismarck”. Straßennamen in der namibischen Hauptstadt wie "Talstraße" erinnern an “daheim”. Einladungen zu Kaffee und Kuchen sind selbstverständlich. Irgendwie merkwürdig, wenn man bei Melitta-Filterkaffee und selbstgebackenem Marmorkuchen über Kudus, Wasser oder Schakale fachsimpelt.

Das namibische Bier (”Tafel Lager”) wird nach deutschem Reinheitsgebot gebraut und stillt den Durst nach einer langen und staubigen Fahrt über das Land. Die Bindung an Deutschland ist sehr hoch. Die meisten deutschstämmigen Namibier verbringen ein paar Jahre in “Übersee”, also in Deutschland, um dann wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Auf Kiripotib versammeln sich Farmer und Gäste regelmäßig vor dem Fernseher, um sich gemeinsam in der “Tagesschau” oder “heute” über das aktuelle politische Geschehen oder die Fußballbundesliga zu informieren.

Schwarz und Weiß
Auch in Namibia, ehemaliges Protektorat Südafrikas, wurde die Apartheidpolitik rücksichtlos durchgesetzt. Die größten sozialen Probleme sind die nach wie vor ungleichen Lebensbedingungen und die Unterschiede in der Bildungspolitik. Häufig bin ich nach dem heutigen Zusammenleben von Schwarz und Weiß gefragt worden. Ich hatte den Eindruck, dass sich alle mit viel Respekt begegnen und sich um ein harmonisches Miteinander bemühen. Dennoch lebt jeder in seiner eigenen Welt, in seiner eigenen Kultur. Schwarz und Weiß leben eher nebeneinander als miteinander.

Familie Hase / NamibiaDas Verhältnis von den weißen Farmern zu den schwarzen Farmarbeitern auf Kiripotib kann man vergleichen mit dem von Arbeitgeber zu Angestellten. Wobei  - so mein Eindruck – die Farmer sich mehr in der Fürsorgepflicht sehen als dies z.B. in einem europäischen Betrieb der Fall ist. So organisieren Farmer die medizinische Versorgung, sorgen z.B. dafür, dass einmal im Monat die “Clinic”, ein mobiler Arzt kommt. Oder betreiben den bereits genannten Store oder unterstützen Initiativen wie die Kirche auf Kiripotib.

Betriebsausflug der FarmVon den Angestellten wird aber auch viel erwartet. Es wird sofort gehandelt, wenn es z.B. zu Konflikten zwischen einzelnen Farmarbeitern kommt – oft die Folge von zuviel Alkohol. Manchmal hätte ich mir etwas mehr Selbstbewußtsein und Initiative, auch von “meinen” jungen Damen, die mich bei der Gästebetreuung unterstützt haben, gewünscht. Es braucht einfach viel Fingerspitzengefühl, um einerseits den Gästen gerecht zu werden, die europäisches Niveau erwarten und auch dafür bezahlen, andererseits aber auch die schwarz-afrikanische Kultur und lokalen Gegebenheiten nicht außer Acht zu lassen.


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